Projekt „Vorurteile“ des BVJ-Sprache 18b (van Nahl)

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Jeder Mensch hat Vorurteile – sowohl positive als auch, deutlich häufiger, negative. Vorurteile richten sich oft gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, man sieht nicht das Individuum, sondern nur ein Kollektiv: die Ausländer, die Frauen, die Reichen, die Muslime.

Die Schülerinnen und Schüler des BVJ-Sprache werden täglich mit Vorurteilen konfrontiert, oft sind es negative Vorurteile. Das dreiwöchige Schulpraktikum im März 2019 hat mir als Lehrkraft gezeigt, dass viele von ihnen die Vorurteile gegen sie als „die Ausländer“ oder auch „die Muslime“ erfolgreich überwinden und andere Menschen durch ihr Handeln von sich überzeugen können. Es gab allerdings auch einzelne Fälle, in denen Schülerinnen und Schüler mit Aussagen konfrontiert wurden, die die Grenze normaler, meist unreflektiert ausgesprochener oder wiederholter Vorurteile hin zu rassistischen und diskriminierenden Äußerungen überschritten haben.

Das gemeinsame Projekt der Klasse zu Vorurteilen sollte den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass jeder Mensch Vorurteile hat, dass es jedoch auch gute Möglichkeiten gibt, diesen zu begegnen und sie zu entkräften.

Zuerst wurden die Schülerinnen und Schüler von mir mit elf Schwarz-Weiß-Fotos konfrontiert, die die Gesichter von unterschiedlichen Jugendlichen zeigen. Die Fotos wurden bewusst so gewählt, dass auf ihnen verschiedene Ethnien, Typen und Emotionen zu sehen sind. In Zweiergruppen sollten die Schülerinnen und Schüler im Folgenden vorgegebene Sätze wie „… lernt die ganze Zeit“, „… hat viele Freunde“, „… ist schlecht in Mathematik“ oder „…hat Probleme in der Schule“ den Fotos zuordnen. In der anschließenden Diskussion wurden von mir Fragen gestellt (z.B. „Woran könnt ihr sehen, dass diese Person keine Freunde hat/ schlecht in Mathematik ist/ etc.?“), die die Schülerinnen und Schüler nach und nach zu der Erkenntnis führten, dass sie andere Menschen nur anhand eines Fotos beurteilt und dabei auf ihre eigenen Vorurteile gegen beispielsweise Mädchen mit Kopftuch, Personen mit Brille, Dicke oder Schwarze zurückgegriffen hatten.Vorurteile2

Anhand von mehreren Lesetexten und Beispielen wurde im weiteren Verlauf des Projekts näherer erläutert, was genau ein Vorurteil ist, warum Menschen Vorurteile haben und dass nicht alle Vorurteile schlecht sein müssen. Es wurde zudem ein genaues Augenmerk auf die sprachlichen Mittel gelegt, die ein Vorurteil von einer Tatsache, einer Meinung und einer Diskriminierung unterscheiden, denn nur wenn man erkennen kann, mit welcher Absicht eine Aussage getroffen wird (informieren, überreden, diskriminieren, etc.), kann man entsprechend auf sie reagieren. Mir war es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler verstehen können, wann ein anderer Mensch ihnen gegenüber eine legitime Meinung äußert, die sich nicht mit der eigenen decken muss, und wann sie aufgrund von Vorurteilen benachteiligt oder sogar diskriminiert werden, was den Grundrechten unseres Landes wiederspricht.

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Für viele Schülerinnen und Schüler hat das Projekt nicht nur zur Weiterentwicklung der eigenen Sprachkenntnisse im Deutschen, sondern zu einem Teil auch zur Entfaltung der Persönlichkeit beigetragen. Zu wissen, welche Rechte man hat, und sprachlich in der Lage zu sein, für die eigenen Rechte einzustehen und „dummen Kommentaren“ mit sachlichen Argumenten und den geeigneten Redemitteln entgegenzutreten, stärkt das Selbstbewusstsein. Zugleich wurde die Motivation, noch besser Deutsch zu lernen und auf diese Weise Vorurteile und Stereotype wie „Alle Ausländer sprechen schlecht Deutsch/ lernen nicht/ wollen sich nicht integrieren“ zu entkräften, gestärkt. In einer multinationalen Klasse wurde außerdem erneut aufgezeigt, wie wichtig es ist, andere Menschen nicht nach ihrer Herkunft, Hautfarbe, Kleidung, Religion etc. zu beurteilen, sondern das Individuum zu sehen, statt Aussagen über kollektive Gruppe wie „die Afghanen“, „die Christen“, „die Schiiten“ zu treffen.

 

Text/ Bilder: Dr. R. van Nahl